Meine Heimat Franken liegt mir ebenso am Herzen, wie das Thema nachhaltig Werden und nachhaltig leben.
So entstand die Idee zu einem Projekt, für das ich die Fotografin
Anika Maaß gewinnen konnte: Gemeinsam reisen wir durch das Frankenland, auf der Suche nach Menschen, die für das Thema Nachhaltigkeit brennen. Und zwar nicht erst, seitdem Zerowaste, Plastikfrei und Minimalismus in aller Munde sind. Menschen, für die Nachhaltigkeit mehr heißt, als auf Plastiktüten- und Strohhalme zu verzichten. Für die Nachhaltigkeit ein ganzheitliches Konzept ist. Bei dem es um Wertschätzung von Umwelt und Umfeld geht.

Alex Cio- vom Softwareentwickler zum Onlineaktivist


Ich bin mal wieder zu spät, weil ich mir nie merken kann, welcher Ausgang aus den Tiefen der U-Bahnhaltestelle der richtige ist. Alex nimmt mir gleich das schlechte Gewissen, er hätte eh noch aufräumen müssen: Das erste Zeichen dafür, dass wir hier einer menschenfreundlichen Person gegenüber stehen.

Joooo meine Freunde.“ – so begrüßt Alex Cio, der mit vollem Namen Alexandru Ciocea heißt, seine Zuschauer.
Alex ist Filmemacher und Onlineaktivist. Bekannt wurde er durch eine Aktion bei Rock im Park: Er sammelte zurückgelassenen Festivalzelte und häkelte daraus Taschen. Das Entscheidende daran: Er drehte ein Video darüber, um seine Kritik und sein Tun nach Außen zu tragen.
Anika und ich haben ihn in seiner WG im Zentrum von Nürnberg besucht. Uns interessierte was genau der ungewöhnliche Youtuber eigentlich macht und vor allem, was ihn dabei antreibt.

So lebt Alex Cico

Zunächst dürfen wir uns in seinem minimalistisch eingerichteten WG-Zimmer umschauen. Ein Bett, Regale, ein Schreibtisch und eine Studioecke. Und allerlei Kurioses: Einen Ball von der Größe eines Handballs, der komplett aus Gummiringen besteht und schwer wie eine Kanonenkugel ist. Oder die berühmte endlose Mütze, die er aus Wollresten häkelt. Ebenso die aus Zeltresten entstandenen Taschen.
Im Regal liegt Epikur zwischen Paulo Coelho und Aldous Huxley. Philosophisches neben düsterer Dystopie und Sinnsuche.

Alex Ciocea in seiner WG-Küche
Alex Ciocea kocht in der WG-Küche Kaffee.
Photo: Anika Maaß

In der WG-Küche lassen wir uns mit einem Kaffee am Eßtisch nieder und reden zunächst darüber, was einen jungen, in der kapitalistischen Gesellschaft etablierten Mann zum Ausstieg bewegt.

Vom Softwareentwickler zum Onlineaktivist

Bis vor drei Jahren arbeitete er als App-Entwickler und programmierte und testete in seinem gut bezahlten Vollzeitjob Spiele. Doch damit war abrupt Schluß:
„Ich hatte keine Zeit 40 Stunden jede Woche in der Arbeit zu verschenken, während mir bewußt ist, daß gleichzeitig wirklich Probleme bestehen, für die man sich einsetzen sollte. Während sich andererseits ganz viel Menschen nicht dafür einsetzen.“
Wichtig ist ihm, den drängenden Probleme der Gesellschaft etwas entgegen zu setzen. In erster Linie kämpft er gegen Lebensmittelverschwendung und Müll in der Natur. Deshalb hat er vor drei Jahren angefangen, seine Aktivitäten zu filmen, um das was er tut den Menschen zugänglich zu machen.

Ich hatte keine Zeit 40 Stunden jede Woche in der Arbeit zu verschenken, während mir bewußt ist, daß gleichzeitig wirklich Probleme bestehen, für die man sich einsetzen sollte. Während sich andererseits ganz viel Menschen nicht dafür einsetzen.

Alex Cio, Onlineaktivist
Alex Ciocea beschreibt seinen Weg zum Filmemacher: Er hat sehr viele Youtube-Videos angesehen.
Photo: Anika Maaß

Containern

Seit vielen Jahren zieht Alex Cio in der Dämmerung los und holt weggeworfene Lebensmittel aus den Müllcontainern der Supermärkte. Hier liegt das, was im Laden nicht mehr verkäuflich, aber noch länger genießbar ist. Legal ist das nicht, vor dem Gesetz gilt Containern, wie diese Form der Lebensmittelrettung heißt, als Hausfriedensbruch und Diebstahl.

Doch Alex wünscht sich sogar, beim Containern erwischt zu werden und vor Gericht zu landen. Denn dann müßte die Politik endlich handeln und die Gesetzgebung anpassen. Auf der einen Seite demonstrieren wir für den Umweltschutz und auf der anderen Seite verurteilen wir Menschen, die weggeworfene Lebensmittel retten wegen Diebstahls. In Hannover wurde die Klage gegen zwei containernde Brüder fallen gelassen, Caro und Franzi aus Olching bei München haben gegen ihre Verurteilung Revision eingelegt und es bleibt spannend, ob auch das Landgericht bei der Einschätzung des Amtsgerichts bleibt.
Durch das Öffentlichmachen der Lebensmittel-Rettungseinsätze in den sozialen Medien, werden immer mehr Gleichgesinnte auf ihn und seine Aktionen aufmerksam und er kann sehr viele Lebensmittel retten.
Da er nicht alles selber verbrauchen kann, muß er es an Interessierte verteilen. Doch die Logistik wird zunehmend komplizierter wird und bindet zu viel wertvolle Zeit. Zeit, in der er mehr bewegen könnte.

Container Ware Tütensuppen
Der Stapel Tütensuppen stammt vom Containern. Diese Produkte sind noch haltbar. Aber wer will das Zeug schon essen?
Photo: Anika Maass

Generell sieht der Filmemacher aber im Containern nicht die Lösung für unser Problem mit Lebensmittelverschwendung. Andernorts gibt es nachhaltigere Alternativen zum Containern. In seinem jüngsten Video Containern ist keine Lösung ruft er seine Zuschauer dazu auf, beim Supermarkt ums Eck einmal nachzufragen, was dort mit den Waren passiert, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben, unansehnlich geworden sind oder einfach nur von frischeren Waren aus den Regalen verdrängt werden. Vielleicht kennen die Marktleiter Konzepte wie Foodsharing oder To good to Go noch nicht und könnten in eine neue Richtung denken.
In Frankreich oder Tschechien steht Lebensmittelverschwendung durch Supermärkte unter Strafe, in Österreich und der Schweiz sind weggeworfene Lebensmittel vogelfrei und jeder kann sich daran bedienen.

Plogging in der Stadt

Mehrmals in der Woche ist Alex Cio mit Skates, Kamera und Müllbeutel unterwegs in Nürnberg. Er betreibt Plogging, was vom schwedischen „plocka upp“, aufheben und dem englischen „jogging“ abgeleitet ist, und das Müllsammeln im Laufschritt beschreibt.
Alex nimmt sich verschiedene Plätzen und Straßen vor, die er von Müll befreit.
Dabei trifft er überwiegend auf Menschen, die seine Aktion toll finden. Hin und wider unterstützen ihn auch dabei Freunde und Onlinebekannte.

Beim Müllsammeln stößt Alex Cio immer wieder auf das Problem mit den weggeworfenen Zigarettenstummeln. „Eine einzige Kippe reicht aus um 40 bis 60 Liter sauberes Grundwasser zu belasten und zu verunreinigen.“ heißt es auf der Seite Upzigle‌. Die müssen wegen ihrer unterschiedlichen und teilweise toxischen Bestandteile eigentlich auf den Sondermüll. Deshalb haben Alex Cio und Hiram Ergetu-Weiss das Upzigle-Lab gegründet und trennen die eingesammelten Zigarettenstummeln Tabakreste von den Papierhülsen und den Filtern, die zum Großteil aus Plastik bestehen.

Immer gesprächsbereit bleiben

In seinen Videos zeigt sich Alex offen und diskussionsbereit. Er ist bereit für Meinungen und Ideen, ohne eine eigene Richtung vorzugeben, den mahnenden Zeigefinger läßt er lieber stecken.
Alex Cio ist selbst seit elf Jahren nicht mehr geflogen, aber es interessiert ihn nicht, wie bewußt sich andere Menschen verhalten. Er findet es auch nicht schlimm, wenn die Leute nicht verstehen, was er tut. Oft sitzt Alex Cio irgendwo in der Stadt und häkelt an seiner unendlichen Mütze. Für ihn ist beim Häkeln nicht das fertige Produkt das Ziel, sondern die Auseinandersetzung mit dem Herstellungsprozeß. Wenn er im öffentlichen Raum häkelt, geht kaum jemand geht an ihm vorüber, ohne nachzufragen, was er da genau macht. „Fragen sind super wichtig, erst dann kommt man ins Gespräch und kann argumentieren.“

Auch Social Media findet er für seine Message genial: Hier lernt er neue Leute kennen, die ähnliche Dinge bewegen. Und das Digitale ist sein Werkzeug: Über das Internet verbreitet er seinen Apell, daß wir etwas ändern müssen. Er selbst will aber auch jeden Tag etwas dazulernen. Erst war es Häkeln, dann Videosdrehen und Kochen. „Je mehr Menschen mir sagen ES GEHT NICHT, desto mehr strenge ich mich an es doch zu schaffen.

Mehr von und über Alex Cio

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Das geht über Youtube, Facebook, Instagram oder Twitter.

Alexandru Ciocea
Alex erzählt begeistert von dem, was er tut.
Photo: Anika Maaß

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