Es ist der 5. August 2005. Seit genau fünf Jahren sind wir ein Paar. Wir freuen uns auf die Zwillinge.
Man hatte uns zu gedämpften Optimismus geraten. Ich hatte das ausgeblendet.
Mir geht es prima. Wieso auch nicht? Keinerlei Schwangerschaftsbeschwerden, die kritischen zwölf Wochen waren überstanden, das Examen liegt erfolgreich hinter mir und ich trage meine kleine Kugel mit Stolz und Vorfreude zur nächsten Vorsorgeuntersuchung.
Das Wetter ist genau wie es immer Sommer sein sollte: warm und trocken.

Plötzlich wird mir kalt. Im Ultraschallraum meiner Gynäkologin könnte man eine Stecknadel fallen hören. Ich sehe wie gebannt auf den kleinen Bildschirm und warte darauf die beiden kleinen bumpernden Herzchen zu sehen. So wie immer.
„Ich kann keine Herzaktivität mehr feststellen“
Als sei ich nur noch ein Beobachter sehe ich mich wie erstarrt auf der Untersuchungsliege liegen. Daneben die Ärztin, die mit der Assistentin spricht. Keine Ahnung worüber. Über eine andere Patientin?
Sie müssen wohl doch über mich gesprochen haben, denn ich soll eine Frage beantworten „Was meinen Sie Frau M.“? Keine Ahnung, wozu?
Es ging darum zu entscheiden ob ich auf das Einsetzen der Geburt warten warten will oder ins Krankenhaus um die Geburt einleiten zu lassen.
Im Besitz keinerlei geistiger Kräfte entscheide ich mir für die Einleitung.
Es ist Freitag. Am Montag soll ich mich an der Pforte melden.
Drei lange Nächte und zwei Tage in denen ich versuche zu begreifen. Ich scheitere.
Am Montag wird noch einmal kontrolliert ob es wirklich vorbei ist.
Ist es. Dann bekomme ich Medikamente um die Geburt in Gang zu bringen.
Kann dauern sagt man mir. Wie lange? Weiß man nicht.
Vor der Abfahrt ins Krankenhaus drückte mir jemand ein Buch in die Hand. Ich lese.
Bekomme Besuch von meiner Freundin. Es ist schwer. Aber gut, daß sie den Mut hatte zu kommen. Danke.
Ich lese das Buch noch einmal. Irgendwas mit Australien und Kängurus und Familienclan. Es kommt nicht im Hirn an.
Bekomme Kurznachrichten von Freunden „Es tut mir so leid.“ „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
Ich weiß es noch viel weniger.
Warten. Bis die Wehen einsetzen. Nach über fünfzig langen Stunden.
Die Hebamme ist schon etwas älter. Aber liebevoll. Sie fragt, ob ich die Babies sehen möchte.
Auf keinen Fall! Niemals!
Die natürliche Geburt, die keine ist, ist schmerzhaft. Dann sind sie da.
Die Hebamme fragt noch einmal ob ich sie sehen möchte.
Natürlich! Meine Zwillinge!
So perfekt. So winzig.
Es ist nach Mitternacht.
Noch kurz in den OP und am nächsten Morgen mit ein paar Informationsbroschüren unter dem Arm wieder zu Hause.

Das ist jetzt fast neun Jahre her. Ich sitze heute hier mit drei gesunden, wundervollen Mädchen an der Hand. Sie wissen von ihren Brüdern im Himmel und sind stolz auf ihre Schutzengel.

Alle 21 Minuten wir ein Kind still geboren

Der Grund, warum ich mich entschlossen habe diesen Beitrag zu schreiben ist nicht mein akutes Mitleidsbedürfnis. Ich habe einen Weg gefunden damit umzugehen.
Alle 21 Minuten wird ein Kind still geboren. Und keiner spricht darüber. Es sterben zehn Mal mehr Babys nach der 20. Schwangerschaftswoche als am plötzlichen Kindstod.
Aus Unwissenheit (wer informiert sich denn über sowas?) Entscheidungen zu treffen, die man hinterher bereut ist bitter.
Wer weiß schon, ab welcher Schwangerschaftswoche er sein Kind beerdigen darf. Ab wann man eine Geburtsurkunde bekommt als Nachweis, das das Kind „wirklich“ existiert hat?

Die Gesellschaft reagiert mit ohrenbetäubendem Schweigen

Das Thema Stille Geburt und was damit zusammenhängt wird in unserer Gesellschaft unterschlagen. Das ist unangenehm.
Ist jemand dann davon betroffen macht sich Ratlosigkeit breit und man sagt nichts oder das Falsche.
Beispiele gefällig?
„Das wird schon wieder!“ – Was soll denn da bitteschön wieder werden?
„War sicher besser so!“ – Besser so als was? Lebende Kinder?
„Zwillinge sind eh anstrengend.“ Bitte??
„Du bist noch so jung, da kommen schon noch Kinder!“ Was hilft mir das? Keins kann das verlorene ersetzen!
„Nach zwei Wochen mußt Du doch darüber hinweg sein!“ Nein! Ich werde NIE darüber hinweg sein!
Für mich war das Schlimmste die Stille. So tun als sei nichts gewesen und sich beschämt abwenden, wenn ich darüber sprechen wollte.
Außerdem war ich nach der stillen Geburt nicht mehr wie vorher. Das konnten viele nicht verstehen.
Du gehst durch die Hölle und sollst so bleiben wie Du bist. Geht nicht.
Die Trauer wird ein Teil von Dir. Sie geht nie vorüber. Sie verändert sich. Und Dich.

Wer noch kann und mag, der schaue sich das Video an: „In Silence“ der Global Alliance to Prevent Prematurity and Stillbirth

Weiterführende Links:

Zum Schluß habe ich noch eine Bitte an die, die Kontakt zu Eltern stehen, die ein Kind verloren habe: Angemessen darauf zu reagieren ist schwierig. Aber fragt bitte die Eltern, was sie im Moment gerade brauchen. Schweigen ist genauso schlimm wie die falschen Worte!

Gruß
Suse

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