Heute war ich mit der Jüngsten kurz draußen und wir haben die Abkürzung über den Friedhof genommen.
Sie stutze kurz am Tor, kam dann aber mit und es entspannte sich ein Gespräch rund ums Sterben und wie sich das alles drum herum anfühlt. Das Gespräch war teilweise sehr pragmatisch, teils philosophisch. Auf jeden Fall sehr emotional. Im Anschluß daran mußte ich noch viel darüber nachdenken. Über den gesellschaftlichen Umgang damit und wie es ist mit Kindern übers Sterben zu reden. Gerade jetzt. In dieser Zeit mit dem Virus werde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit extrem bewußt.

Experten raten zur Wahrheit über das Sterben

Mein Kollege bei der bke-Onlineberatung, Ulric Ritzer-Sachs ist Sozialpädagoge und sagte einmal in einem Interview sinngemäß, es sei sehr wichtig, bei der Wahrheit zu bleiben. Diese jedoch sollte je nach Alter des Kindes formuliert sein. Als die Oma meiner Kinder eine unheilbare Erkrankung bekam, gingen die Mädels sehr unterschiedlich damit um. Das eine Kind wollte nicht einmal darüber nachdenken, daß die Oma sterben würde. Das zweite Kind fragte häufig uns als Eltern, ob wir denn sehr traurig darüber seien, daß die Oma sterben muß. Und das dritte Kind wollte bis ins Detail wissen, was Oma denn nun genau hat, um alles irgendwie verstehen zu können.
Ich gebe zu, ich konnte nicht jede Frage einfach so beantworten, mir fiel es schwer, über den Tod zu reden. Das habe ich den Kindern in den unzähligen Gesprächen aber auch so vermittelt. Denn ich weiß nicht ,ob es wehtut zu sterben, ich weiß nicht, wie schnell die Seele den Köper verläßt und ich weiß auch nicht, ob wir unsere Verstorbenen irgendwann wiedersehen. Vielleicht war das auch gar nicht so wichtig, sondern vielmehr, daß diese Gespräche überhaupt stattgefunden haben.

Man darf beim Thema Tod nicht von sich und seinen Gefühlen ausgehen

Im Gespräch mit der Jüngsten wurde mir klar, daß sie eine ganz anderen Einstellung zum Tod und das Sterben hat als ich. Wir kamen an einer Grabstätte vorbei, die die Friedhofsgärtner direkt nach der Beerdigung aufhäufelten und die Kränze darauf dekorierten. Mit Blick auf die Friedhofskapelle sagte sie: „ Da kann man die Toten noch mal anschauen oder?“ „Ja, schon“ „Mama, wenn in unserer Familie mal wieder jemand sterben sollte, dann muß ich ihn unbedingt noch mal anschauen.“ Ich zucke innerlich ein bißchen zusammen, aber weshalb eigentlich? Als Kind auf dem Dorf ist die ganze Gemeinde am offenen Sarg vorbeigezogen, um den oder die Tote noch ein letztes Mal zu sehen. Als Kind war ich mehrmals dabei. Seit ich erwachsen bin, habe ich keinen toten Menschen mehr gesehen. Ich weiß gar nicht, ob ich mir das gewünscht hätte, irgendwie war das logistisch dann nicht mehr möglich. Bei dem Gedanken daran wird mir etwas mulmig, aber e kommt vielleicht auch darauf an, wer es ist.

Gefühle artikulieren, hilft zu verstehen, was Trauer für die Eltern bedeutet

„Mama, wie viele Menschen sind dir schon gestorben?“, war die nächste Frage und ich überlegte laut und zählte auf. Wie immer erwähnte ich auch die Zwillingsbrüder, die vor der Großen Sternenkinder wurden, meine Großeltern, mein Cousin und ihre Großeltern. “Bist Du noch trauig wegen ihm?” Fragt sie zaghaft. Sie weiß, daß ich noch traurig bin, denn hin und wieder breche ich noch in Tränen aus. Ein sehr enger Freund unserer Familie ist mitten im ersten Lockdown gestorben und wenn ich ihn vermisse, kommt die Jüngste und streicht mir wortlos über den Rücken. Es macht ihr keine Angst, ihre Mama weinen zu sehen, sie fühlt nur nach, was ich fühle und das ist okay für uns beide. Weshalb auch sollte ich meine Trauer verstecken?
Sie fragt dann jedes Mal nach, ob ich noch jeden Tag an ihn denken muß und ob das Gefühl besser wird.
Ich bin ehrlich, Trauer vergeht nie. Aber sie verändert sich und wird erträglich. Trauer braucht ihre Zeit.

Was helfen kann, wenn die Worte fehlen: Bücher

Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen genauso geht, mir hilft es, Geschichten von Menschen zu lesen, die in ähnlichen Situationen stecken. Seit letztem Frühjahr habe ich viele Kinderbücher zum Thema gelesen, dazu auch Ratgeber, in denen es thematisiert wird, wie man mit Kindern übers Sterben und den Tod redet. Letzteres ist eigentlich überflüssig, wenn man selbst eine klare Vorstellung davon hat und diese auch ausdrücken kann.

Meine liebsten drei Bücher zum Thema sind: “Sommer ist trotzdem” vom norwegischen Autor Espen Dekko. Man spürt den Schmerz der Hauptperson, aber es ist nichts Schlimmes dabei, die Trauer gehört dazu. (ab 10 Jahren)
Und von Sendung mit der Maus-Redakteur Ralph Caspers “Wenn Papa jetzt tot ist, muss er dann sterben?” als Denkimpuls für mich. Und für die Seele Nils von Melanie Garanin (Das stelle ich an anderer Stelle noch mal vor, hier wäre zu wenig Platz für das tolle Buch)
Andere BloggerkollegInnen haben zu diesem Thema schon geschrieben. Zum Beispiel auf Judetta, Kindheit erleben, Runzelfüßchen oder Bücherkinder. Hier gibt es eine große Auswahl an Büchern, die es erleichtern, mit Kindern übers Sterben zu reden. Am Ende hat doch jedeR ihren/seinen eigenen Weg.

Die Jüngste möchte übrigens Oma und Opa bald mal wieder besuchen. Auf dem Friedhof.



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