Nachhaltig Reisen. Dieses Thema finde ich persönlich äußerst schwierig. Denn nachhaltiges Reisen wäre nichts anderes als den Rucksack zu packen und loszulaufen oder maximal mit dem Fahrrad eine kleinere Strecke zu bewältigen. Direkt von der Haustür aus und und ohne jegliches andere Verkehrsmittel.
Doch die Vorstellung, daß plötzlich alle Menschen ihren Urlaubsradius dermaßen verkleinern, ist zu abgehoben, als daß ich das hier postulieren möchte.
Und dennoch gibt es wunderbare Alternativen zu Fernreisen, die ich bereits ausprobiert habe und die Lust auf mehr Urlaub im eigenen Land machen.

Radrunde Allgäu mit E-Bike

Wenn Du ans Allgäu denkst, was kommt Dir als erstes in den Sinn? Grüne Wiesen, gemütlich wiederkäuende Kühe und weiße, mit Schnee bedeckte Gipfel? So ein bißchen wie Heidi auf der Alm?
Machen wir doch diese gedankliche Schublade schnell wieder zu. Heidi wohnt nämlich in der Schweiz und im Allgäu heißt es Alpe und nicht Alm.
Laß uns eine neue Schublade öffnen, in die wir Tradition in Verbindung mit Innovation und wunderschöner Landschaft und eine neue Art von Tourismus stecken.
Meine Reise ins Allgäu beginnt etwa 200 Meter von meiner Haustür, wo ich in den Zug steige. Ziel ist Bad Wurzach, das für sein Moor und dessen Heilwirkung bekannt ist. Von dort aus startet die Mountainbike Tour quer durchs Allgäu.

Bad Wurzach und sein Moor

Das Besondere daran: Die Mountainbikes haben elektrische Unterstützung. Die hilft gelegentlich lange Anstiege zu überbrücken und verhilft zu einem neuen Fahrgefühl: Ich kann längere, anstrengendere Strecken zurücklegen.
Früher – in der Zeit vor den Kindern – bin ich viel und ausdauernd Mountainbike gefahren. Mit Kinderanhänger machte das Ganze nicht mehr so viel Spaß.
Dieses Mal bin ich alleine unterwegs und kann erst zunächst ohne Familie, nur für mich, herausfinden, wie sich das Reisen mit einem E-Mountainbike anfühlt.

Wanderung durchs Wurzacher Ried. Die Empfehlung: Auf den Wegen bleiben, sonst steckt man im Moor fest.

Die Kurstadt Bad Wurzach liegt mitten in voralpiner grüner Hügellandschaft. Die Besonderheit der Stadt ist ihre Lage am Wurzacher Ried, die größte intakte Hochmoorfläche Mitteleuropas. Um Gästen die Eigenschaften des Moores näher zu bringen, und sie sensibel zu machen für die besondere Tier- und Pflanzenwelt im Ried, wurde das Naturschutzzentrum Wurzacher Ried eingerichtet.

Mir war gar nicht klar, welche Artenvielfalt ein Moor beherbergt und wie unwiederbringlich diese verloren sein wird, wenn wir das Moor nicht ausreichend schützen.

Halt am Moorsee in der Nähe von Bad Wurzach
Der erste Fotostopp des Tages am Riedsee.
Riedsee
Blick am Morgen auf den Riedsee. Sehr geheimnisvoll spiegelt sich die Sonne auf dem dunkelbraunen Wasser.

Der Fleischsommelier in Kißlegg

Entlang der Moorseen führt uns der Weg weiter bis nach Kißlegg. Dort treffen wir den Metzgermeister und Fleischsommelier Philipp Sontag in seiner Metzgerei. Mag seltsam erscheinen, daß ich als Vegetarierin in eine Metzgerei gehe. Doch mich interessieren Menschen, die Dinge anders machen als „das haben wir immer schon so gemacht“, die Traditionen pflegen, aber auch hinterfragen und neu interpretieren.
Philipp Sonntag wünscht sich mehr Wertschätzung für die Tiere und das Produkt Fleisch. Massentierhaltung und Schlachtung im Akkord lehnt er ab.

Der Weg von Kißlegg nach Wangen hält einige Höhenmeter für unsere Gruppe bereit. Doch dank des Motors kann ich schon unterwegs die Aussicht genießen. Der Blick bleibt zwar immer mal wieder an der Ladestandsanzeige hängen, doch Sorgen mache ich mir keine. Im Ernstfall, wenn die Batterie tatsächlich leer sein sollte, habe ich noch genügend Energie in meinem Körper, um den Rest des Weges ohne Antrieb zu schaffen.

E-Bike mit Ausblick
Kurz mal absteigen und den Ausblick bei herrlichem Wetter einfach auf sich wirken lassen.

Egal wie viel man im Vorbeifahren schon sehen kann. Absteigen und sich Zeit nehmen, dann erst kann die Natur auf mich wirken.

Fotografierende Journalisten
Shoot the Shooter: Die KollegInnen suchen nach dem schönsten Bild. Aber was fotografieren sie eigentlich?
Übersichtskarte Nagelfluhkette
Ah, dieses Fensterbild wollen alle einfangen.

Im Allgäu muß man aber hin und wieder obacht geben. Denn nicht überall darf man sein Fahrzeug abstellen. Egal, ich habe es trotzdem getan und mich als Kirchendiener ausgegeben.

E-Bike auf Kirchenparkplatz
Ob Pfarrer und Meßner auch mit dem E-Bike angeradelt kommen?

Wangen und der gemeine Brunnen

„Hier muß man aufpassen als Radlfahrer! Die Polizei verteilt gerne mal Knöllchen!“ werden wir von einer Einheimischen in Wangen gewarnt. Selbstverständlich schieben wir durch die Innenstadt, wo wir herzlich im Gästeamt empfangen werden.

Wangen im Allgäu
Ein bißchen italienisch sieht es in Wangen aus.

Zunächst folgen wir der Empfehlung beim Seelenverkäufer die Seelen zu probieren. Schließlich kommen wir direkt zur Mittagszeit in der Stadt an.
Keine Angst, das klingt schlimmer, als es am Ende wirklich ist. Im Südwesten Deutschlands werden Seelen traditionell gebacken und können getrost verspeist werden. In Wangen bäckt man in der Paradiesstraße in der Bäckerei Fidelisbäck seit über 500 Jahren dieses besondere Gebäck.

Nach der Stärkung bekommen wir eine Stadtführung durch die malerische Stadt Wangen. Es fällt schwer, den Blick zu fokussieren. Überall stehen reich verzierte Gebäude und die Schmiedekunst, die der Stadt ihren Reichtum verschaffte, ist an jeder Ecke zu bewundern.
Bis wir vor einem lustigen Brunnen stehen: Vor dem Pfaffenturm, zwischen Markt- und Postplatz steht dieser Brunnen, der den „verdruckten“ Allgäuern ein Denkmal gesetzt hat. Den Spruch, wonach von sechs Allgäuern, der unterste so „verdruckt“ sei wie der oberste, wenn man sie übereinanderstapelt, hat der Künstler Joseph Michael Neustifter aus Eggenfelden mit der geschaffenen Brunnenplastik umgesetzt.
Und während ich noch den Ausführungen des Stadtführers lausche, spuckt mich dieser Brunnen in hohem Bogen an. Die Lacher hatte er natürlich auf seiner Seite. Der Brunnen. Ich glaube, „verdruckt“ kann man getrost mit „verrückt“ übersetzen. Ich bin jedenfalls jetzt wieder fokussiert.

Trinkflaschen auf dem leeren Brunnen
Bevor es weitergeht mit der Radrunde Allgäu, bekommen wir noch frisch gefüllte Wasserflaschen.

Die Strecke nach Isny führt an einem lauwarmen Moorsee vorbei, indem es sich prima abkühlen läßt. Das Wasser hat Badewannentemperatur.

Umhäkelte Laterne und der Badeplatz am Moorsee
Die Laterne vor dem Schwimmbad ist farbenfroh umhäkelt. Im Moorsee läßt es sich prima baden.

Ich genieße es, weiter durch den Wald zu radeln, bergauf und bergab, ohne mich groß auf das Fahrrad und dessen Fortbewegung konzentrieren zu müssen. Der Sattel ist nicht ganz so bequem wie mein eigener und ich frage mich insgeheim, was die Hintern der Mitreisenden machen. Da aber alle erfahrenere Radprofis sind als ich, wünsche ich mir schweigend ein weiches Sitzkissen herbei.

Radfahrer auf der Straße im Wald
Ich rolle das Feld gerne von hinten auf.

Isny gemalt

Gleich nach dem Frühstück am nächsten Morgen beginnen wir unsere Allgäurundreise mit einem Besuch in der Ausstellung „Heimat Panorama“ in Isny. Der Bildhauer und Maler Eugen Felle hat ab 1892 im Eigenverlag Postkarten mit Motiven aus dem Allgäu gezeichnet. Seine aus der Vogelperspektive detailgetreu gezeichneten Karten waren deutschlandweit bekannt und beliebt. Seine über 14.000 produzierten Postkarten-Motive zeigen nicht nur Städte im Allgäu, sonder aus ganz Deutschland. Es gibt nur wenige touristische Orte, die nicht auf einer Felle-Postkarte abgebildet sind.

Postkarte Eugen Felle: Das fliegende Güllefaß
Manchmal zeichnete Eugen Felle auch satirisch. So wie das fliegende Güllefaß, das vor dem Museum als Modell nachgebaut wurde.

Wieder zurück im Sattel treten wir in die Pedale, um nach Lindenberg ins Hutmuseum zu kommen. Die Zeit dort ist recht knapp bemessen, den es gibt eine Fülle an Geschichten und Ausstellungsstücken rund um die Kopfbedeckung. Mich fasziniert die filigrane Arbeit, die notwendig ist, aus Stroh einen Hut herzustellen. Und ich bewundere den Hut, der für den Schauspieler Harrison Ford in seiner Rolle als Indiana Jones angefertigt wurde. Spannendes Museum, in das sich sicher noch einmal zurückkehren werde.

Hutmuseum Lindenberg
Faszinierend, wie viele Arbeitsschritte getätigt werden müssen, bevor ein Hut tragbar ist.

Weiter geht es durch die sanften Hügel, immer entlang der sogenannten Nagelfluhkette. Mehrere male müssen wir anhalten. So ist das eben, wenn man mit einer Gruppe Journalisten unterwegs ist. Es gibt immer noch ein besseres, beeindruckenderes Foto, das es einzufangen gilt.

Radfahrer mitten in der Allgäuer Landschaft
Zu beobachten, was andere beobachten ist einer Beobachtung wert.

Zur Mittagszeit halten wir an einer Käserei, um uns mit Brotzeit zu versorgen. Dort werden wir von Vladimir begrüßt. Vladimir ist Schweizer aus Luzern und befindet sich mit seinem Reiter auf einer Trekkingtour nach Wien. Eine Wanderwoche liegt bereits hinter ihm, zwei hat er noch vor sich. Nie zuvor habe ich ein solch ausgeglichenes Pferd gesehen. Vielleicht liegt diese Seelenruhe an seiner langsamen Art zu wandern?

Pferd Vladimir vor der Käserei
Links: Pferd Vladimir aus der Schweiz mit seinem Reiter. Rechts Brotzeit aus der Käserei. Mit frischer Buttermilch.

Auf dem weiteren Weg in Richtung Immenstadt führt uns der Weg über weniger Höhenmeter als am Tag zuvor. Nichtsdestotrotz bietet der Weg immer wieder etwas fürs Auge. Trotz vieler Fotostopps kommen wir dank E-Bike sehr gut voran. Der Blick auf die Ladestandsanzeige verrät: Es ist noch ausreichend elektrische Energie übrig. So mache ich es mir mit etwas mehr Unterstützung so gemütlich wie möglich auf dem harten Sattel. Den Mitreisenden geht es am zweiten Tag offensichtlich ähnlich wie mir, und sie suchen trotz gepolsterter Radlhose immer wieder eine bequemere Sitzposition.

Blick auf den Alpsee
Das Tagesziel ist schon in Sichtweite: der Alpsee.

Die letzten Kilometer unserer Etappe schlängeln sich im Tal und am Ufer des Alpsees entlang. Licht und Schatten spielen mit den zig Abstufungen von Grün.

Kurze Pause am Alpsee.
P.A.U.S.E. am Alpsee. Auch für die Radln.

Am Ende der Etappe erwarten uns der ziemlich belagerte Alpsee und ein kühles Radler. Einige baden, mir ist der See zu voll und ich bin leicht ermüdet.
Die Streckenmessungen am Ende des Tage unterschieden sich ein wenig: Auf dem Plan standen 70 Kilometer, meine App hatte 84 Kilometer aufgezeichnet.

Auf dem Illerradweg

Am dritten Radltag ist ein Teil des Illerradweges dran. Es ist sommerlich warm, aber man sieht noch, welche Wassermassen sich wenige Wochen zuvor durch das Flußbett gewälzt haben. Beeindruckend anzusehen, aber Stehenbleiben am Ufer ist nicht angeraten, weil sonst die gefräßigen Mückenschwärme blutsaugend über uns herfallen.

Der Fluß Iller im Sonnenschein
Die Iller sieht heute sehr zahm aus. Aber am Flußbett und dem Geröll, das der Fluß mit sich gerissen hat, kann man erahnen, welche Gewalt dahinter steckt.

Nach einer ganzen Weile am Flußufer geht es steil bergauf. Sehr bequem für uns mit elektrischer Hilfe und wir stehen an der Abbruchkante des Illersprungs. Mit einem atemberaubenden Ausblick auf die Illerschleife.

Illerschleife von oben
Illerschleife von oben

Dreht man sich einmal um hundertachzig Grad, blickt man direkt auf die Burgruine Kalden. Für Krimifans ist das ein Aha-Erlebnis, ist sie doch Schauplatz im Kluftinger-Krimi „Schutzpatron“

Vor ihm ragte das Plateau mit der Ruine auf. Bei ihrem Anblick fröstelte er. Nebel-schwaden hatten sich auf der Wiese ausgebreitet und hüllten die vom Moos überwucherten Steine des Turms in einen fahlen Schleier.

Schutzpatron, Kriminalroman von Volker Klüpfel und Michael Kobr
Fahrradfahrer von hinten vor der Burgruine Kalden
„Ah, so sieht sie also aus, die Burgruine Kalden“ denke ich mir als Krimiliebhaberin und Kennerin der Kluftinger Fälle von Michael Kobr und Volker Klüpfel.

Die Sonne hat ihren Zenit erreicht und langsam grummelt der Magen. Dem soll Abhilfe in Illerbeuren geschaffen werden.
Unsere allerletzte Strecke führt uns zum Bauernhofmuseum nach Illerbeuren. Dort gibt es ein letztes Mal für mich echte Allgäuer Käsespätzle.

Bauernhofmuseum Illerbeuren
Das Museumsdorf in Illerbeuren ist ein Dorf im Dorf.

Das Museumsdorf ist einzig in seiner Art als Freilichtmuseum. Einzelne Häuser und Höfe sind nicht wie gewöhnlich an den jetzigen Ort transferiert worden, sondern standen schon immer an dieser Stelle.

Bevor wir zurück zum Bahnhof nach Memmingen gebracht werden, bekommen wir noch eine kurze Museumsführung.
Der Dorfladen ist mein persönlicher Höhepunkt: Früher waren die Waren nicht sinnlos verpackt. Ein Laden hatte die wichtigsten Lebensmittel und Haushaltsgegenstände im Angebot. Und der Kunde konnte zwischen wenigen Produkten wählen und sah sich keinem Überangebot ausgesetzt. Nachhaltiger geht es kaum.
Was ich meinen Mädels wohl aus dem Laden mitgebracht habe? Einen Teppichklopfer vielleicht?

Laden Bauernhofmuseum Illerbeuren
Früher war nichts alles schlechter: Im Dorfladen kam man so gut wie ohne Verpackung aus!

Wie nachhaltig ist das Reisen mit dem E-Bike?

Die Radtour hat mich sehr begeistert. Zum einen hätte ich mit einem Fahrrad ohne elektrischen Antrieb niemals so viel gesehen vom Allgäu. Zum anderen hätte ich diese Erlebnisse längst nicht so entspannt genießen können, wie es der Fall war.
Wie nachhaltig Reisen mit dem E-Bike sind, läßt sich für mich nur im Vergleich zu meinen üblichen Aktivitäten feststellen. Die Alternative wäre gewesen kürzere Strecken mit dem Rad zu fahren und den Rest mit dem Auto zurückzulegen.
Wenn ich als Privatperson anreise, kann ich mir das E-Bike bequem an meinen Zielbahnhof im Allgäu anliefern, und es am Ende meiner Reise auch wieder abholen lassen.

Weiterführende Informationen zum E-Bikefahren im Allgäu

  • Wer jetzt Lust bekommen hat, der kann sich hier über die 475 Kilometer der Radrunde Allgäu und den 146 Kilometer langen Illerradweg von Kempten bis Ulm genauer informieren.
  • Prof. Dr. Monika Echtermeyer, Professorin für Tourismusmanagement, kam persönlich am Vorabend unserer Tour zu unsere Reisegruppe hinzu, um uns die Geschichte der E-Bikes in der Region Allgäu zu erzählen. Sie hat vor über zehn Jahren, als alle Welt das E-Bike noch als Rentnerfahrrad bezeichnete Ladestationen flächendeckend im Allgäu aufgebaut. Diese sind nun oft nicht mehr notwendig, da sich die Akkureichweite enorm erhöht hat, dafür hat ihre Firma heute rund 90 Verleihstationen im Allgäu und weitere in der Schweiz, in Österreich, Italien, Frankreich, Belgien und Tschechien.

Disclaimer: Vielen Dank für die Einladung zur Pressereise durch die Allgäu GmbH





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