Der Ort in Schweden, den die meisten Deutschen kennen, ist Bullerbü. Jener Ort, der nur in Büchern existiert und durch die Vorstellungskraft des Lesers lebendig wird. Jener Ort, der eine ganz spezielle Sehnsucht in den Menschen hervorruft. „Bullerbü-Syndrom“ nennt Berthold Franke, der ehemalige Leiter des Stockholmer Goethe-Instituts, die Liebe der Deutschen zu Schweden.
Was ist es, was uns Deutsche so an Schweden fasziniert? Ist es die schwedische Lebensphilosophie, die sich im schwedischen Wort „lagom“ ausdrückt? „Lagom“ bedeutet nicht zu viel und nicht zu wenig. „Lagom“ heißt auch, für alle ausreichend, gerade genug, soviel, dass keiner darben muss. Sprachforscher glauben, dass es seinen Ursprung bei den Wikingern hat. Doch gibt es diesen unschuldigen, perfekten Sehnsuchtsort in Schweden wirklich?

Endlich in Schweden!

Ostwärts von Trelleborg

Wir, eine fünfköpfige Familie mit Hund, machen uns mit einem Wohnmobil auf die Suche nach diesem einen Ort in Schweden, von dem Deutsche seit ihrer Kindheit träumen. Die Reise führt über die südschwedische Provinz Schonen nach Osten auf die Insel Öland und von dort wieder westwärts nach Småland, dorthin, wo die Erfinderin von Bullerbü, Astrid Lindgren ihre Kindheit verbrachte.

Das gemietete Wohnmobil, ein Carado A464, rollt im Fährhafen von Trelleborg langsam in der LKW-Schlange von Bord der Huckleberry Finn. Hinein in den verregneten schwedischen Abend. Die drei Kinder rutschen aufgeregt auf ihren Sitzen hin und her und die Sechsjährige ruft begeistert: „Wir sind jetzt in Pippi-Land!“.

Das zu Hause auf Zeit für 2 Erwachsene, 3 Kinder und einen kleinen Hund.

Auf der Fähre nach Trelleborg

Das Tagesziel ist nach einstündiger Fahrt die Küstenstraße entlang nach Osten erreicht: ein Stellplatz im Nirgendwo an der schonischen Küste. Der Vorteil, mit einem Wohnmobil zu verreisen, liegt in Schweden auf der Hand: Das Jedermannsrecht erlaubt es, mit genügend Abstand von privatem Eigentum für vierundzwanzig Stunden überall zu stehen. Zwischen dem Hafen Smygehamn und Beddinge Strand bietet sich am Riksväg 9 ein kleiner Parkplatz oberhalb des Strandes als Nachtquartier an. Der Sommerwind peitscht die Wellen hoch und die Gischt spritzt bis weit über die hochgekrempelten Hosenbeine. Die Kinder stemmen sich dem Wind entgegen, während der kleine Hund das erste Mal die Macht der Wellen erlebt. Die Luft ist gerade warm genug für einen Sommerabend unter freiem Himmel und das Meer und die Brandung versetzen automatisch in Urlaubsstimmung.

Das erste Mal Sandstrand auf der Reise.

Das erste Mal am Meer für den Hund.

Das Ystad-Syndrom

Strahlender Sonnenschein und nur noch ein laues Lüftchen machen am nächsten Morgen Lust auf mehr Schweden. Das Tagesziel ist die Insel Öland, aber nicht ohne vorher der Kleinstadt Ystad einen Besuch abzustatten. Schwedenkrimifans wissen, dass hier Kommissar Wallander ermittelt, der Held der Henning Mankell-Krimis. Touristisch ist das Thema Schwedenkrimi sehr gut erschlossen. Es gibt eine Wallander-App, mit der man auf eigene Faust die Schauplätze erkunden kann und eine geführte Wallander-Wanderung. Im Filmerlebniszentrum Cineteket führt eine Ausstellung zu den Verfilmungen mit Originalrequisiten durch die spannendsten Kriminalfälle des Ermittlers. Wem das alles noch nicht genügt, der kann sich auch noch die Ystad-Studios ansehe, wo viele Innenszenen der Verfilmungen gedreht wurden.

Laut Statistik besuchen gerade deutsche Touristen die Kleinstadt sehr gerne. Das mag zum einen an der Beliebtheit der Bücher von Henning Mankell liegen: Die deutschen Übersetzungen wurden mehr als 15 Millionen Mal verkauft. Berthold Franke erkennt zum anderen ein speziell deutsches Verhalten, was er das „Ystad-Syndrom“ nennt. Die Anziehungskraft von Schwedenkrimis erklärt er mit der Fallhöhe zwischen geltender Norm und krimineller Tat. Vor der Kulisse der relativen Unversehrtheit der moralischen Landschaft Schwedens ließen sich die Geschichten besonders wirkungsvoll inszenieren. Das Bild der grauenvoll zugerichteten Leiche in einer schonischen Kleinstadt berührt mehr als vor dem Hintergrund der Bronx oder einer anderen Gewaltmetropole.

 

Die Fußgängerzone von Ystad. Hier lässt es sich verweilen. Eisessend natürlich.

Durch die Gassen von Ystad flanieren…

Abseits der Krimispuren kommen wir hier dem Bullerbü-Gefühl einen Hauch näher: Im kleinen Café am Marktplatz sitzt es sich gemütlich mit einer Tasse Kaffee und einer lauwarmen, typisch schwedischen Zimtschnecke. Fika nennen es die Schweden, wenn sie für eine knappe Viertelstunde ihre Tätigkeit unterbrechen und gemeinsam bei Kaffee und Kuchen plaudern. Diese Plaudereien laden zum Zuhören ein, wenn man ein bisschen Schwedisch versteht, auch wenn der schonische Dialekt mit seinem dänischen Einschlag etwas schwer zu verstehen ist. Bis 1658 gehörte Schonen zu Dänemark, was sich in der Alltagssprache immer noch bemerkbar macht. Die Gesprächsfetzen am Nachbartisch drehen sich um die Erlebnisse am vergangenen Wochenende, ein vorbeigehendes Pärchen unterhält sich über sein Boot und das des Nachbarn. Es wirkt wie ganz normales Alltagsgespräch.

Ölands Natur erinnert an Bullerbü

Der schnellste Weg, um auf dem Landweg nach Öland zu kommen, ist die knapp sechs Kilometer lange, etwas merkwürdigen Brücke über den Kalmarsund. Merkwürdig deshalb, weil sie extrem steil nach oben führt, bis man einundvierzig Meter über dem Meer ist, nur um dann auf der anderen Seite bis auf sechs Meter über Meeresspiegel abzufallen. Diese Form ist der Brückendurchfahrtshöhe geschuldet, die so mit sechsunddreißig Metern hoch genug für größere Schiffe ist.

Die Fahrt über die Insel in Richtung Norden führt durch eine ganz spezielle Heidelandschaft, die Stora Alvaret, das größte Kalksteingebiet der Welt und Unesco-Welterbe. Für das ungeübte Auge sieht die Landschaft karg und eintönig aus. Mit ein wenig Zeit, um über die Ebene zu wandern, entdeckt man eine unerwartet große Vielfalt an Gewächsen: Wacholderbüsche, Hundsrosen, Weißdorn und Schlehen bewachsen den Karstboden. Vereinzelt stehen niedrige Bäume wie Kiefern und Maulbeeren zwischen den Büschen und Hecken. Besonders außergewöhnlich wirken die Wälle aus eiszeitlichen Findlingen, die die Gletschermassen vor sich hergeschoben haben.
Die allgegenwärtige Brise gehört zur Insel Öland, wie die dazu passenden Windmühlen. Von den ursprünglich knapp tausend Mühlen nach holländischem Vorbild sind heute noch etwa zweihundert erhalten, die sich malerisch in die Landschaft einfügen und als Wahrzeichen der Insel gelten.

Eine der wenigen erhaltenen Mühlen, die so typisch für Öland sind.

Direkt unterhalb der Burgruine von Borgholm, nach der die nördlichste Stadt der Insel benannt wurde, lädt eine riesige Parkfläche zum freien Übernachten ein. Der Carado A464 mit seinen 7,25 Metern Länge und knapp drei Metern Höhe sieht auf dem Platz ziemlich verloren aus. Statt im Camper Abendbrot zu essen, lockt ein kleines schnell zusammengepacktes Picknick am Strand. Im Juni ist es in Südschweden bis kurz vor Mitternacht taghell – genügend Zeit, vor dem Essen noch durch das Naturschutzgebiet Borga Hage zu streifen. Der Laubmischwald wirkt wie direkt aus den Geschichten von Astrid Lindgren entnommen: saftiges, grünes Laub, verschlungene Pfade und Blaubeerbüsche im verwilderten Unterholz. Man könnte meinen, gleich würde ein Elch hinter einem Busch hervorbrechen. Das Thema Elch gehört auch zum Bullerbü-Syndrom, meint Berthold Franke: „Es beginnt mit Natur und Tierwelt. So ist der Elch zentrales Kultobjekt der Schwedentouristen und Souvenirjäger. Die große Leistung von Astrid Lindgren liegt wohl darin, dass sie diese zarte und im modernen Erwachsenen verlorengegangene Welt selbstbewusst, einfühlsam und konsistent eingefangen und verteidigt hat.“. Nicht ohne Grund werden im Sommer auf den Fähren Richtung Deutschland Kofferraumkontrollen durchgeführt. Zu häufig kommt es vor, dass die rotgelben Elchwarnschilder abgeschraubt und nach Hause geschmuggelt werden.

Trotz fortgeschrittener Stunde rennen die Kinder den Strand auf und ab und freuen sich auch nach 23 Uhr noch über warme Abendsonne.

 

Hund Charly liebt es, im seichten Wasser mit Stöckchen zu spielen.

Im Wald ist es naturbedingt windstiller, ruhiger und die Kinder finden sofort Stöckchen und erfinden ein Spiel. Der Weg zur Ostsee ist nicht zu verfehlen und geht sich durch den weichen, bemoosten Pfad wie auf Watte, die salzige Meeresluft weist die Richtung.

Die Sonne steht schon relativ tief über dem glitzernden Wasser, so dass alles in ein warmes, wohliges Licht getaucht ist. Es ist herzerwärmend, wie die Kinder ausgelassen über die riesigen rundgeschliffenen Steine tollen, flache Steinchen über die Wasseroberfläche flitschen lassen und der Hund sich kleine Ästchen aus dem knietiefen Wasser fischt. Kinder werden irgendwann müde. Egal ob zu Hause oder in Bullerbü, erst kommt die Müdigkeit, dann kippt die Stimmung und es ist Zeit zu gehen.

 

Vimmerby – die Wiege von Bullerbü

Immer noch auf der Suche nach Bullerbü führt die dreistündige Reise am nächsten Morgen dorthin, wo alles seinen Ursprung hat: nach Vimmerby, dem Geburtsort von Astrid Lindgren. Der Camper steht auf dem Besucherparkplatz, ein paar Meter oberhalb des Nossen ganz gut. Noch sind die Frischwasser- und Stromvorräte ausreichend und der Abwassertank fast leer. Das heißt, es ist noch ein paar Tage Zeit bis zur nächsten Ver- und Entsorgung und der überfüllte Campingplatz bleibt uns hier erspart.

Vom Nossen, in dem Astrid Lindgren höchstwahrscheinlich als Kind gebadet hat, ist Astrid Lindgrens Värld bequem per Fuß zu erreichen. In diesem Themenpark lässt es sich vorzüglich in die Welt von Bullerbü, Michel, Pippi und den anderen Helden aus Astrid Lindgrens Kinderbüchern eintauchen.

Perfekt nachgebaut: Michels Wohnhaus in der Astrid Lindgrens Värld in Vimmerby

Durch die Krachmacherstraße schlendern und Lotta begegnen? Zusehen, wie Michel Ida am Fahnenmast hinaufzieht? Kein Problem. Astrid Lindgrens Värld ist das größte Freilufttheater Schwedens und jeder kann die Kulissen betreten und selbst Teil der Inszenierung werden: Ganz gleich, ob man die gute Stube auf Katthult fegen möchte, als Lotta durch das Loch in Tante Bergs Zaun klettern, wie Rasmus und Oskar im Heu liegen oder auf die Mattisburg steigen möchte. Hier ist man mitten in der Szenerie und erlebt die Geschichten, die man seit der Kindheit kennt hautnah. Das Freilufttheater ist nett gemacht, aber es wirkt sehr kommerziell und spätestens im Souvenirladen, wo es alle denkbaren und undenkbaren Merchartikel zu den Geschichten gibt, kommt die Sehnsucht nach dem „echten“, dem einfachen Bullerbü zurück.

Kind und Hund beobachten aufmerksam das lustige Treiben

Hier wird die Szene mit Tante Prüseliese gespielt. Das Fräulein aus dem Kinderheim soll die elternlose Pippi abholen.

Die Krachmascherstraße en minniature, in der Lotta, das kleine Mädchen aus Astrid Lindgrens Geschichten lebt.

Näs, das Geburtshaus von Astrid Lindgren und das Museum

Astrid Lindgren wurde 1907 als Astrid Anna Emilia Ericsson auf dem Hof Näs, im Norden Smålands am Rande der Kleinstadt Vimmerby geboren. Ihr Vater Samuel August Eriksson, pachtete Land vom Pfarrhof und betrieb darauf Landwirtschaft. In der damals noch vorindustriellen Zeit mussten alle Familienmitglieder mithelfen, um für den Lebensunterhalt zu sorgen. Obwohl es auch für die Kinder eine schwere Arbeit war, schreibt Astrid Lindgren immer wieder über ihre glückliche Kindheit, so wie 1987 in Mein Småland: „Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit.“

Astrid Lindgrens Näs: Der Geburtshof der Schriftstellerin.

Das Geburtshaus, das noch so erhalten ist wie vor hundert Jahren, kann man als angemeldeter Teilnehmer während einer Führung besichtigen.
Noch spannender ist die Ausstellung im dazugehörigen Museum, das neben einem Haus mit Ausstellung auch noch einen großen Garten umfasst. Die Ausstellung führt durch das Leben von Astrid Lindgren mit seinen guten und schlechten Zeiten. Der Audioguide, den es auch in der Kinderversion gibt, erzählt abwechslungsreiche Details aus Astrid Lindgrens Leben, die unbekannt und spannend sind. Auf eine behütete Kindheit folgte eine schwierige und entbehrungsreiche Zeit, nachdem sie mit neunzehn Jahren unverheiratet schwanger wurde. Die gesellschaftlichen Vorgaben zwangen sie von zu Hause fortzugehen und ihren Sohn die ersten drei Jahre bei einer Pflegefamilie zu lassen. Später, als sie sich die Geschichten rund um das behütete Bullerbü, Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter und die vielen anderen Abenteuer ausdachte, war das –wie sie immer wieder in Interviews erzählte– immer ein bisschen auch deshalb, um sich selbst an den Ort ihrer Kindheit zurück zu träumen und ihn dadurch zu erhalten. Doch Astrid Lindgren war nicht nur Schriftstellerin, sie war eine Vorkämpferin ihrer Zeit. Sie setze sich unter anderem für Kinderrechte ein und verantwortet das schwedische Lex Lindgren, das strengste Tierschutzgesetz der Welt.

Das Museum ist hervorragend gestaltet. Alles, was es über Astrid Lindgren zu erfahren gibt, kann man hier in Erfahrung bringen. Dank Audioguide auch für kleinere Kinder geeignet. Toll auch der angeschlossene Garten.

Das Gebäude, in dem Astrid Lindgren 1907 geboren wurde. Bis vor wenigen Jahren wurde es noch von Teilen der Familie bewohnt.

Die Reise zu einem Bullerbü, so wie Astrid Lindgren es in ihren Büchern beschreibt, kann nicht zum Ziel führen. Dieses Dorf, das den Erinnerungen und der Fantasie der Schriftstellerin entsprungen ist, lässt sich nicht an einem bestimmten Ort festmachen.

Am Meer sitzen und die gedanken vorausgehen lassen. Oder zurück zu den Geschichten aus der Kindheit, die irgendwo zwischen Saltkrokkan und Bullerbü spielen.

Doch ein bisschen Bullerbü-Gefühl findet sich überall in Schweden. In den riesigen Wäldern der Nationalparks, an den klaren Seen, auf den unzähligen kleinen Inseln oder in den kleinen Cafés in den kleinen Städten mit falunroten Häusern. Ein wenig Sonnenschein, eine leichte Sommerbrise und ein Eis. Mehr braucht es nicht. Bullerbü ist lagom: nicht zu viel, nicht zu wenig.

 

Disclaimer: Dieser Artikel war in etwas abgewandelter Form meine Abschlußarbeit als Journalistin. Wer hier schon ein wenig länger mitliest, weiß wieviel Schweiß und Tränen mich diese Ausbildung gekostet hat.