Ich habe viele starke Frauen um mich herum. Sei es im persönlichen Umfeld oder in meiner Social Media Timeline. Jede von ihnen ist individuell und geht ihren eigenen Lebensweg. Mit allen Höhen und Tiefen. Anscheinend geht ihnen alles leicht von der Hand: Beruf, Familie, Hobbies.  Vielleicht liegt es nur an meinem eigenen Fokus, aber die Vereinbarkeitsdebatte hat hier wie dort wieder Fahrt aufgenommen. Sind vielleicht nicht alle so stark wie es den Anschein hat? Sind nicht alle mit ihrer Situation zufrieden? Frau Brüllen hatte schon vor zwei Jahren die Nase voll von der Diskussion, die also alles andere als neu ist. Und sie wird wohl noch ein Weilchen anhalten und Deutschland bewegen.

Vereinbarkeit ist aktuell nicht möglich

Gerade heute las ich den Artikel von Pia Ziefle Vereinbarkeit? – Ha.Ha.Ha., in dem sie als möglichen Grund angibt, daß Kinderhaben für unsere Gesellschaft nicht normal ist. Zuerst traut man sich nicht in der Firma die Schwangerschaft bekannt zu geben, dann geht man nach der Elternzeit aus verschiedenen Gründen schnell wieder zurück an den Arbeitsplatz. Und ist trotzdem kein gern gesehener Mitarbeiter wegen möglicher Fehlzeiten, Teilzeitarbeit und angeblicher Unzuverlässigkeit.

Frau Rage meint, daß viel nach dem Motto leben never change a running system: wenn es grad so geht, dann verändern wir nichts dran. Erst wenn einer auf dem Zahnfleisch geht und kurz vor dem Zusammenbruch steht, macht er sich ernsthaft Gedanken darüber etwas zu verändern. Vorher sei aber nicht Ignoranz der Grund, sondern schlicht und einfach fehlende Energiekapazität. Das unterschreibt sicher auch Sonja, denn irgendwann ist das Vereinbarkeitsmodell ausgereizt wenn es nur von wenigen Menschen getragen wird.

Vereinbarkeit funktioniert, wenn die Männer teilhaben

Wenn ich mir Gedanken zur Vereinbarkeit mache, kommt oft der Kommentar: „Sollen doch die Männer  mehr übernehmen, frau muss ja gar nicht alles alleine schaffen.“ Aber grau ist alle Theorie.
Es gibt Beispiele, die mir immer wieder positiv auffallen, weil sie doch funktionieren:
Andrea setzt das Thema gemeinsam mit ihrem Mann um, denn Vereinbarkeit funktioniert bei ihnen nur als Teamarbeit. Ihnen hilft das Sichtbarmachen der Aufgaben. So gibt es keine „Ich hab aber mehr geputzt und öfter die Kinder rumgefahren“- Diskussion. Aber sie beschreibt auch, dass kein Modell statisch ist und es sich am Alter der Kinder und an der Art der Jobs die beide haben orientieren muss. Und sehr häufig zu justieren ist. Die Grundlage ist die funktionierende Partnerschaft.

Hut ab vor Jessica, die Vollzeit arbeitet und nicht nur einmal extrem vom Arbeitgeber und mißgünstigen Kollegen  in ihrem beruflichen Werdegang behindert wurde. Sie sagt offen: Vereinbarkeit ist harte Arbeit und irgendwas bleibt immer auf der Strecke.

Wie hart diese Arbeit ist, wenn kein Mann da ist der an der Vereinbarkeit mitarbeitet, wissen nur Alleinerziehende. Wie Christine, die nach der Scheidung mit drei kleinen Kindern beruflich von ganz vorne wieder anfangen musste und es manchmal nicht mehr schafft.

Lösungen suchen, auch wenn es unbequem ist

Wie lautet die Lösung dieses Problems? Gibt es überhaupt eine, die für alle Familien und deren Konstellationen paßt?
Die betroffenen Frauen (ja, Frauen) beschimpfen sich ja lieber. Anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen wird aufeinander rumgehackt. So ist von „brotbackenden Dawandamuttis“ die Rede, die Vollzeitarbeiten als quasi Kindesmißhandlung bezeichnen würden. Mehr staatliche Kinderbetreuung würde reichen, dann könnten alle Vollzeit arbeiten. Im Gegenzug wird dann das hübsche deutsche Wörtchen „Rabenmutter“ aus der Trickkiste gezogen.
Es geht einzig und alleine den Lebensentwurf des Anderen bloßzustellen. Tina beschreibt es sehr treffend:

Vereinbarkeit scheint keine Familienfrage mehr zu sein, sondern dahinter steht in Großbuchstaben: „Wo bleib ich?“ Vereinbarkeit ist ein Kampf geworden.Tina WerdenundSein.

Doch weshalb müssen die Betroffenen auch noch miteinander kämpfen? Jedes Modell hat seine Daseinsberechtigung. Und irgendwie sitzen ja alle im gleichen Boot: sie haben Kinder, die irgendwie betreut werden wollen und haben einen Job, der irgendwie gemacht werden will.

Drei Modelle

Wenn ich Vollzeit arbeite, dann habe ich mir das sicher sehr gut überlegt, meine Möglichkeiten abgewogen, mir ein soziales Netz wie zum Beispiel Béa es hier beschreibt geschaffen,  und habe mich in meinem Alltag so eingerichtet, daß es für MICH und meine Familie paßt. Vielleicht brauchen wir das Geld oder ich möchte einfach wieder etwas machen, was mich neben den Kindern komplett ausfüllt. Und nein, meine Kinder leiden nicht darunter, daß sie in diesem Fall nicht ausschließlich von mir betreut werden.

Und lebe ich ein Modell, bei dem ich weniger als 100% arbeite, dann glaube man mir: auch das habe ich mir gut überlegt. Sei es weil ich das Gefühl habe, daß das besser für meine Kinder ist oder ich einfach selbst nicht mehr schaffe. Denn ich habe noch ein paar Jahrzehnte Berufsleben vor mir und brauche auch dann, wenn die Kinder groß sind noch Energie dafür. Auch wenn ich das Gefühl habe in der Teilzeitfalle zu stecken:

Die einzige Lösung, die mir einfällt, ist, Teilzeit nicht als unveränderbaren Makel, sondern als vorübergehenden Zustand zu sehen. Meine Berufstätigkeit wird vermutlich Jahrzehnte dauern – muss es wirklich langfristig ein Problem sein, ein paar Jahre keine 40-Stunden-Woche hingelegt zu haben?Barbara Vorsamer Kleiner3.

Oder ich bleibe so lange zu Hause, bis die Kinder selbständig genug sind und ich trotz widriger Umstände wie langer Arbeitsweg, Schichtdienst oder fehlende Betreuung wieder zurück in den Job kann. Vielleicht möchte ich einfach nur rund um die Uhr für die Kinder da sein, weil genau das das Richtige für MICH ist?

Es ist doch alles nur eine Phase! Die Kinder werden doch so rasch groß. Warum können wir also nicht Eltern Eltern sein lassen, geben ihnen für ein paar Jahre genug Geld und lassen sie danach völlig selbstverständlich wieder zurück in ihren Job? Warum klammern wir uns so sehr an lückenlose Erwerbsbiografien und respektieren nicht die Fürsorgearbeit für Kinder? Das gilt für Mütter und Väter! Warum können wir nicht drei, vier Jahre im Leben der Kinder für Ruhe sorgen?Pia Ziefle Piaziefle.de

Egal, welches Model ich für mich gewählt habe: Keiner weiß, wie es dazu gekommen ist. Ob es meine persönliche Entscheidung war oder mich die Umstände dazu gezwungen haben. Außenstehende können kaum beurteilen, wei es mir oder meinen Kindern mit meinem Arbeitszeitmodell geht. Genausowenig, wie ich das der Anderen be- und verurteilen kann.
Aber Fakt ist: ich genau stecke drin und lebe mein Leben.

Ich wünsche mir:

  • daß alle Frauen den Lebensentwurf anderer Frauen akzeptieren ohne sich wertend dazu zu äußern. Das erleichtert das Leben aller enorm. Eine Diskussion auf Augenhöhe bringt weiter.
  • daß gemeinsam und konstruktiv nach Lösungen für Familien (auch Väter!) gesucht wird, die allen helfen. Wir sind so viele, da muß politisch was zu machen sein.
  • daß Firmen Familienzeit nicht als Verlust, sondern als Gewinn sehen. In etwa wie eine berufsbegleitende Weiterbildung.
  • daß sich das Berufsleben an das Leben anpaßt und man wieder arbeitet, um zu leben. Nicht umgekehrt.
  • daß wir es vielleicht wirklich als Solidaritätsprojekt sehen: Ich helfe Dir in einer anstrengenden Phase, ein Anderer hilft mir in meiner nächsten schwierigen Phase. Wir sind keine Einzelkämpfer. Zusammen kann es leichter sein!

 

Was wünscht Ihr Euch beim Thema Vereinbarkeit?

 

 

Mit diesem Beitrag bewerbe ich mich für den scoyo ELTERN! Blog Award, denn ich bin der Meinung, wir Elternblogger sind Quelle der Inspiration und wenn wir Positives in die Welt hinausschreien, hallt es hier und da wider und fördert das Umdenken und den Wandel der Gesellschaft!

 

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