Zwei Wochen in Prishtina – Leben und Eindrücke aus dem Kosovo

Seit genau einer Woche bin ich jetzt in Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo. Und ich ergreife gleich mal die Gelegenheit, das Bloggen wieder ernsthafter zu betreiben. Möglicherweise liest das hier auch niemand – aber einst als Tagebuch begonnen, führe ich es einfach als solches weiter.

In Deutschland kennt kaum jemand dieses Land wirklich – ein Land, das ungefähr so groß ist wie Hessen und in dem nicht ganz zwei Millionen Menschen leben. Als ich im Freundeskreis erzählt habe, dass ich eine Zeit lang im Kosovo leben und arbeiten möchte, war die häufigste Antwort darauf: “Was? Dort ist doch Krieg!”
Das ist doch kurios, wir leben alle irgendwie in einer Blase und wissen kaum darüber Bescheid, was außerhalb unserer kleinen Welt stattfindet.
Ich wüsste wahrscheinlich selbst wenig darüber, aber ich hatte das Glück, bereits 1999 während meiner Zeit in Norwegen mit jungen Kosovo-Albanerinnen und -Albanern in Kontakt zu kommen. Dazu später mehr.

Zunächst ein paar Informationen zum Krieg, der schon lange vorbei ist. Aber irgendwie auch noch immer in den Köpfen spukt.

Exkurs Kosovokrieg

Die Geschichte des Kosovokriegs beginnt eigentlich schon lange vor 1998. Nachdem die serbische Regierung 1989 die Autonomie der Region aufhob, geriet die albanische Bevölkerungsmehrheit zunehmend unter politischen und gesellschaftlichen Druck. In den frühen 1990er-Jahren wurden hunderttausende Kosovo-Albaner aus staatlichen Einrichtungen entlassen, darunter Lehrer, Ärzte, Verwaltungsangestellte und Journalisten. Besonders stark betroffen war das Bildungssystem: Viele albanische Lehrer und Universitätsmitarbeiter verloren ihre Stellen, nachdem sie sich weigerten, Loyalitätserklärungen gegenüber der serbischen Regierung zu unterschreiben. Als Reaktion darauf entstand ein paralleles System aus privaten Schulen, Universitätskursen und medizinischer Versorgung, das von der albanischen Bevölkerung selbst organisiert wurde.

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre trat zunehmend die UÇK (alb. Ushtria Çlirimtare e Kosovës – Befreiungsarmee des Kosovo) in Erscheinung, die einen bewaffneten Widerstand gegen die serbischen Sicherheitskräfte organisierte. Die Lage eskalierte Schritt für Schritt: Gefechte zwischen der UÇK und serbischen Polizei- und Militäreinheiten nahmen zu, Dörfer wurden angegriffen und immer mehr Zivilisten gerieten zwischen die Fronten. Schließlich entwickelte sich der Konflikt 1998 zu einem offenen Krieg. Als sich die humanitäre Lage weiter verschlechterte und hunderttausende Menschen auf der Flucht waren, griff im Frühjahr 1999 schließlich die NATO militärisch ein, um die Gewalt zu stoppen.

Auch Deutschland spielte bei der NATO-Intervention eine wichtige Rolle. Im März 1999 beteiligte sich die Bundesrepublik an der NATO-Operation „Allied Force“, bei der jugoslawische Militärziele aus der Luft angegriffen wurden, um die Gewalt im Kosovo zu beenden. Für Deutschland war dies ein historischer Schritt, denn erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bundeswehr an einem – nicht unumstrittenen – Kampfeinsatz teil. Nach dem Ende des Krieges beteiligt sich Deutschland außerdem an der NATO-Friedensmission KFOR, die bis heute zur Stabilisierung des Kosovo beiträgt.

Mein Kosovo-Bezug

So viel zum historischen Hintergrund. Mein eigener Kontakt mit dem Kosovo begann kurz nach dem Krieg – nämlich 1999 während meiner Zeit in Norwegen. Ich war nach dem Abi ein Schuljahr auf einer Folkehøgskole im Internat. Dort habe ich zum ersten Mal junge Kosovo-Albanerinnen und Kosovo-Albaner kennengelernt, die damals gerade vor dem Krieg geflohen waren. Wir haben zusammen Norwegisch gelernt, Ausflüge gemacht, und versucht uns in der norwegischen Kultur zurechtzufinden. Und immer wieder erzählten sie von ihrer Heimat und zeigten die wenigen Fotos, die sie auf die Flucht mitnehmen konnten. Am Ende haben sich dann mehr oder weniger enge Freundschaften ergeben. Manche sind später in den Kosovo zurückgegangen, manche leben in Deutschland, Norwegen, Schweden, Italien oder der Schweiz.
Zurück in Deutschland lernte ich im Studium eine kosovarische Freundin kennen. Ich glaube, es war im Proseminar Mittelhochdeutsch. Oder war es Grundlagen der Linguistik? Auf jeden Fall freundeten wir uns an und freuten uns gemeinsam über unsere ersten Kinder. Als sie mit ihrer Familie zurück in den Kosovo zog, plante ich einen Besuch dort. Es dauerte bis vergangenen Herbst, bis ich meine erste Reise wagte.
Und was soll ich sagen? Ich habe mich in dieses Land verliebt, auch wenn es selbst Einheimische kaum verstehen können. Ja, viele Dinge liegen hier im Argen. Aber dieses Land hat eine großartige Ressource, nämlich seine Bewohner, ihre Kultur und die unglaublich tolle Landschaft.

Ankunft und Eingewöhnung

Ich bin relativ spät abends am Flughafen angekommen und musste erst mal eine Weile auf den Bus warten. So ganz zuverlässig ist der öffentliche Transport hier nicht, aber ich hatte ja Zeit.
Was mir wirklich schwer gelingt ist mich zu orientieren. Meine für die ersten Tage gebuchte Unterkunft lag eigentlich sehr zentral, aber Google Maps hat noch immer wieder auf die falsche Seite des Hauses geführt. Irgendwann konnte ein junger Mann das Ganze Elend nicht mehr ertragen, hat mich angesprochen und mit mir den richtigen Eingang gesucht. Verlorengehen als Ausländerin dürfte hier schwer werden.

Erster Kaffee in Prishtina
Der erste Kaffee in der neuen Stadt. Im AirBnb gab es nur löslichen Kaffee mit Zucker und Milch.

Höchstens mental. Der Satz, den ich hier mehrfach am Tage höre, “Don’t worry”, bedeutet hier, dass alles länger dauert, is aber halt so und am Ende wird es schon klappen. Für mich als jemand, der gerne heute schon weiß, wo er kommende Woche schläft und welche Aufgaben anstehen, ist das eine Herausforderung. Nach eineinhalb Wochen weiß ich jetzt ungefähr, was ich ab Mai machen werde. Aber auch nur ungefähr.
Meine Geduld wird hier sehr auf die Probe gestellt, oder sagen wir so: Ich trainiere sie ganz intensiv.

Gleich am zweiten Abend spielte die kosovarische Fußballnationalmannschaft um die Teilnahme an der bevorstehenden Weltmeisterschaft. Am späten Nachmittag waren die Straßen voller mit Flaggen geschmückter Autos, die Menschen trafen sich auf den großen Boulevards und die Stimmung war sehr euphorisch. Ich hatte tatsächlich ein bisschen Angst, dass das alles bei einer Niederlage kippen könnte. Sie haben gegen die Türkei verloren, aber wie das Investigativmagazin Kosovo2.0 schrieb: Kosovo lost the match, but stirred the nation – A small country dreamed big and felt every second of it. Es wurde mitgefiebert und gehofft, aber am Ende war man froh, es überhaupt so weit geschafft zu haben.

Ich bin in den vergangenen Tagen viel durch die Stadt gelaufen und habe versucht, mich zu orientieren. Und immer wieder gibt es Dinge, die ich nicht verstehe und dann gerne mal hinterfrage.

Christ Erlöserkirche Prishtina
Christ-Erlöser-Kirche Prishtina

Die Christ-Erlöser-Kirche in Prishtina wurde 1992 während der serbischen Herrschaft über den Kosovo als serbisch-orthodoxe Kathedrale auf dem Gelände der Universität gebaut. Der Bau war politisch umstritten und wurde nach dem Kosovokrieg 1999 gestoppt, sodass die Kirche bis heute unvollendet ist. Seitdem steht sie größtenteils leer und gilt als symbolträchtiger Ort in den politischen und gesellschaftlichen Debatten über die jüngere Geschichte des Kosovo. Ich hätte einige Ideen, was man aus dem leerstehenden Gebäude machen könnte, aber alleine darüber nachzudenken, ist hier schon schwierig.

Mutter Theresa Kathedrale
Die erst 2007 erbaute Mutter Teresa Kathedrale

Die Mother Teresa Cathedral (Kathedralja Nënë Tereza) ist die wichtigste katholische Kirche im Kosovo. Der Bau begann 2007 und wurde 2010 eingeweiht. Sie ist der aus Skopje stammenden Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa gewidmet, die albanische Wurzeln hatte. Obwohl Katholiken im Kosovo nur eine kleine Minderheit darstellen, wurde die Kathedrale bewusst relativ groß gebaut – auch weil Mutter Teresa für viele Menschen im Land eine wichtige Identifikationsfigur ist. Das Grundstück stellte der Staat zur Verfügung, und der Bau wurde politisch sowie teilweise finanziell unterstützt, was immer wieder diskutiert wurde, da der Kosovo laut Verfassung ein säkularer Staat ist. Heute gilt die Kathedrale als eines der markantesten Gebäude der Stadt und als Symbol für die religiöse Vielfalt im Kosovo.

Prishtina Stadtpark - Parku i Qytetit
Prishtina Stadtpark – Parku i Qytetit

Ich wohne recht zentral. Fußläufig (für mich) in die Innenstadt und direkt am Stadtpark. Klein, aber zumindest etwas grün. Außerdem findet man hier Outdoorfitnessgeräte und eine Kaffeebar. Lustigerweise haben die Parks hier auch alle eine Art Tartanbahn, auf der tatsächlich Menschen trainieren.
Weshalb ich das “fußläufig” relativiert habe? Nun ja die Menschen hier lieben ihr Auto. Das ist hier noch mehr Statussymbol als in Deutschland. Man ist verwundert, wenn ich sage, ich komme zu Fuß. Auch wenn es nur 1,5 km sind.

Was total auffällt: Es gibt ziemlich viele Graffities in Prishtina. Zufällig stolpert man über einige der Werke, aber es gibt auch eine Übersicht über alle Kunstwerke in der Stadt, die werde ich demnächst mal ablaufen. Unter den Bildern sind auch bekannte Werke, wie das linke Bild in der zweiten Reihe. Es stammt von Milo und wurde 2023 für das Guerilla Streetartfestival gemalt.

Wandern in Germia
Blick auf Prishtina von Germia aus.

Prishtina ist eine sehr betonierte Stadt – und trotzdem hat sie für mich einen ganz eigenen Charme. Städte wie Peja, die direkt in den Bergen liegen, sprechen mein Outdoorherz zwar noch mehr an. Aber man kann eben nicht alles gleichzeitig haben.
Das Schöne an Prishtina ist: Wenn man gerne zu Fuß unterwegs ist, ist man erstaunlich schnell im Grünen. Neulich bin ich zum Beispiel in Richtung Germia-Park gelaufen und habe dort eine kleine Wanderung gemacht. Lustigerweise herrschte auf der Zufahrtsstraße Stau – und im Park selbst standen die Menschen fast Schlange, um spazieren zu gehen.
Mir war das etwas zu voll. Also bin ich kurzerhand rechts abgebogen, habe ein paar Höhenmeter gewonnen und war plötzlich fast allein unterwegs – bis auf eine kleine Quad-Gruppe, die irgendwo aus dem Wald auftauchte. Und noch etwas fällt hier sofort auf: Das Wetter ist ziemlich eigenwillig. Sobald die Sonne herauskommt, fühlt es sich richtig warm an – auch wenn die tatsächliche Temperatur deutlich unter 20 Grad liegt.

Ich gehe hier natürlich auch laufen. Schließlich habe ich mich für den Prishtina Trailrun im Mai angemeldet. Bisher habe ich noch keine perfekte Trainingsrunde gefunden, aber zumindest halb Straße, halb Gelände auf 10km habe ich schon mal erkundet.

Germia Aussicht in die Berge
Blick in die Berge von Germia.

Eigentlich war ich an diesem Tag auf der Suche nach einem Fitnessstudio hier in der Nähe. Allerdings bin ich noch etwas skeptisch, was die Atmosphäre dort angeht. In dieser Hinsicht habe ich hier bereits ein paar ziemlich merkwürdige Erfahrungen gemacht. Mal sehen – vielleicht schaue ich mich noch ein wenig weiter um.

Apropos Menschen hier: Insgesamt mache ich überwiegend gute Erfahrungen. Die meisten sind sehr hilfsbereit und gleichzeitig neugierig. Mich interessieren vor allem die Geschichten hinter den Gesichtern – denn hier scheint wirklich jeder sein ganz persönliches Päckchen zu tragen.

Und trotzdem spürt man überall eine große Lust auf Zukunft. Viele Menschen wollen etwas aufbauen, etwas verändern und Teil der Zukunft ihres Landes sein. Besonders die Jüngeren wirken entschlossen: Sie wollen nicht einfach stehenbleiben, sondern wirklich etwas bewegen.

Fortsetzung folgt.

3 Kommentare zu „Zwei Wochen in Prishtina – Leben und Eindrücke aus dem Kosovo“

  1. Liebe Susanne,
    nun bist du also schon im Kosovo, wie aufregend, ich werde hier Deine Geschichten gespannt mitverfolgen. Hab eine gute Zeit, Anett

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  2. Danke für den interessanten Bericht! Ich habe durch deinen Kommentar bei mir hierhingefunden und bin auch eine derjenigen, die sehr wenig über Prishtina und den Kosovo wissen. Ich freue mich darauf, mehr darüber zu lesen!
    Hab noch eine gute Zeit dort, liebe Grüße,
    Barbara

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