Die Rotzlöffelrepublik (Buchrezension)

Letzte Woche war großes Abschiednehmen bei uns: Die Jüngste hat ihr Vorschuljahr im Kindergarten beendet und wird Mitte September Erstklässlerin. Ich gebe zu, nach acht Jahren in einer wundervollen Einrichtung war der Abschied sehr tränenreich. Ich habe die vergangenen acht Jahre als Kindergartenmutter als eine sehr angenehme Zeit erlebt. Meine Kinder waren nicht nur aufgehoben, sondern wurden rundum behütet. Sie bekamen Hilfe zur Selbsthilfe ganz im Sinne von Maria Montessori und konnten sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickelt. Manchmal anstrengend, denn eigenständige Persönlichkeiten besitzen auch einen durchaus eigenständigen Willen. Aber bestens auf das Leben nach dem Kindergarten vorbereitet.

Betrachtet man alleine die mediale Präsenz von Kinderbetreuungseinrichtungen, zeichnet sich ein völlig gegensätzliches Bild: Unzufriedene Eltern und ausgebrannte ErzieherInnen. Die Gründe sind vielfältig: Unzureichende Öffnungszeiten, schlechte Verpflegung, pädagogische Vorgehensweisen auf Seiten der Eltern.  Personalmangel, unerzogene Kinder und überzogene Forderungen von Eltern seitens der Einrichtungen.
Zwei Erzieherinnen haben jetzt ein Buch geschrieben: In Die Rotzlöffelrepublik kommt all das auf den Tisch, was sie schon lange nervt. Was sie mürbe macht und den Traumjob zum Albtraum werden läßt.

Die Rotzlöffelrepublik – die AutorInnen

Die beiden Autorinnen Tanja Leitsch und Susanne Schnieder sind beides Pädagoginnen mit Praxiserfahrung. Die eine Diplom-Pädagogin und Systemischer Coach, die andere KiTa-Leiterin, Tanzpädagogin, Systemischer Gesundheitscoach und Referentin in der Jugend- und Erwachsenenbildung.
Um ihre Erfahrungen in Worte zu fassen wurden sie vom Ghostwriter Carsten Tergast (bekannt als Autor von Warum unsere Kinder Tyrannen werden) unterstützt.

Aus dem Inhalt des Buches Die Rotzlöffelrepublik

Auf der Verlagsseite wird das Buch als Streitschrift bezeichnet und der Klappentext klingt sehr vielversprechend: Dieses Buch erzählt wahre Geschichten aus dem Leben, die zeigen, inmitten welchen Wahnsinns aus pädagogischen Modellen, überforderten Eltern und bildungspolitischen Trugschlüssen sich der Alltag von Erzieherinnen und Erziehern mittlerweile abspielt.

Auf circa zweihundert Seiten erzählen die AutorInnen aus einem KiTa-Alltag, in dem Eltern, Kinder und der Staat unmenschliche Ansprüche an die Erzieher stellen. Auf etwa zwanzig Seiten werden Verbesserungsvorschläge gemacht, um den Alltag zu erleichtern.

Der Staat ist schuld

Es helfe niemanden, wenn Erzieher plötzlich Entwicklungsbegleiter und Potentialentfalter (S.23) genannt werden würden, durch Kosteneinsparungen aber katastrophale Zustände in den Einrichtungen herrschten. Es werden Gruppengrößen, Hygienebedingungen und Lärmbelastung angeführt: Zu viele Kinder, zu wenig Personal, zu viel Aufwand und Aufgaben jenseits der eigentlichen Kinderbetreuung, das ist der Alltag (S.43) Seitdem es ein staatlich garantiertes Anrecht auf einen Betreuungsplatz gibt hat sich die Situation noch zusätzlich verschärft. Besonders belastend sei gerade, daß ein zu viel an Bürokratie, keine Zeit für das Wesentliche mehr läßt. Aus Angst vor juristischen Auseinandersetzungen muß jeder noch so kleine Vorfall in der Einrichtung dokumentiert werden (S.42). Die Zeit für die Dokumentation fehlt später für die Gruppe.
Ständige Weiterbildungen bringen nicht wirklich etwas, denn grau ist alle Theorie. Der Markt für Weiterbildungs- und Qualitätssysteme ist sehr hart umkämpft. Jeder möchte etwas vom großen Kuchen abbekommen. Doch Illusion und Realität in der Kita-Welt (S.133) unterscheiden sich gewaltig.

Die Eltern sind ganz besonders Schuld

Das Schlimmste an der Situation in KiTas scheinen aber die Eltern zu sein. Sie bringen ihre Kinder krank in die Einrichtungen und verlangen, daß ErzieherInnen vor den Kindern auf Knien rutschen. Das Konzept der Teilhabe, bei dem Kinder und Eltern ihre Themen und Ansichten mit in den KiTa-Alltag einbringen können erscheint den Autoren als nicht durchführbar: Ein Riesenthema ist die falsch verstandenen Partizipation (S.104). Das konkrete Beispiel handelt von einem erkälteten Kind, das auf das Frühstücksbrot einer Erzieherin niest, die darauf am nächsten Tag mit Herpes zur Arbeit kommt. Es sollte den Eltern nicht selbst überlassen werden, wann ein Kind zu krank für die Betreuungseinrichtung ist.
Sowieso seien Eltern unfähig. Ihnen selbst mangle es an Respekt. Unterstrichen mit dem Beispiel einer Mutter, die eine Erzieherin als arrogante Ziege (S.202) bezeichnete.
Eltern seien nicht mehr in der Lage ihre Kinder zu erziehen, denn es läßt sich leicht erkennen, dass es sich bei dieser Art von Erziehung eigentlich eher um Nicht-Erziehung handelt (S.127) und die AutorInnen wagen einen düsteren Blick in die Zukunft, wenn Kita-Kinder groß werden (S.203).

Fazit: Viel Lärm um eine wichtige Sache

Nachdem ich verschiedene Stimmen im Netz zu diesem Buch gelesen hatte, war ich sehr neugierig. Frida, die auf ihrem Blog 2kindchaos eine Rezension veröffentlichte, legte das Buch recht schnell zur Seite, weil sie vom Ghostwriter gleich auf die pädagogische Richtung schloß. Ich habe das Buch bis zum Ende gelesen, weil ich auf die Verbesserungsvorschläge gespannt war. Ob das Buch neue Ideen und Herangehensweisen liefern würde. Noch auf Seite 204 wird versprochen, das es Aufschrei, Hilferuf, Zustandsbeschreibung, Hinweis und Verbesserungsvorschlag in einem sein sollte.
Diese Erwartung wurde leider nicht so richtig erfüllt.
Beim Lesen des Buches wird schnell klar: Der Aufschrei ist gelungen, die Schuldigen sind schnell gefunden. Ich bin überzeugt, dass der reißerische Ton, den der Ghostwriter verwendet, bei einer breiten Masse großen Anklang findet, diejenigen, die es aber auch betrifft, die Eltern lediglich verletzt zurückläßt.
Es werden Geschichten vom Hörensagen erzählt, das heißt extreme Fälle werden geballt so erzählt, als kämen sie tagtäglich in jeder Einrichtung so geballt vor.
Bei den Verbesserungsvorschlägen werden die Kinder und die Eltern einfach stehen gelassen. Die AutorInnen wünschen sich -überspitzt ausgedrückt- mehr Urlaub, mehr Flüssigseife und jemanden, der die Dokumentation übernimmt. Den Eltern würden sie gerne Elterncoachings verordnen.
Wichtige gesellschaftliche Aspekte werden völlig ausgeblendet: Zum Beispiel haben manche Eltern einfach keine andere Möglichkeit, als das Kind nach überstandener Krankheit schnellstmöglich wieder in der Einrichtung betreuen zu lassen, aus Angst um ihren Arbeitsplatz.

Es ist wichtig über dieses Thema zu sprechen und Mißstände aufzuzeigen. Aber ob das mit Schuldzuweisungen klappt?


Details zum Buch

Die Rotzlöffelrepublik
Tanja Leitsch, Susanne Schnieder
232 Seiten
Hardcover, Schutzumschlag
ISBN-13 9783711001337
Preis: €20,00

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